Meine Tipps für glückliches Älterwerden – Prof. J. Proust

Die Erscheinungsformen und sozioökonomischen Begleitumstände des Alterns haben seit jeher das Interesse von Wissenschaftlern u. a. aus den Bereichen der Medizin, … geweckt.

WARUM UND WIE ALTERN WIR?

Zu den wichtigsten Forschungsergebnissen in diesem Bereich gehört, dass das Altern und die damit verbundenen Erkrankungen nicht so unvermeidbar sind, wie allgemein angenommen. Wir können uns zwar nicht verjüngen, aber die heute zur Verfügung stehenden Mittel bieten viele Möglichkeiten den Prozess zu verlangsamen und gewisse pathologische Begleiterscheinungen zu vermeiden.

GEWISSE MENSCHEN ALTERN SCHNELLER ALS ANDERE: LÄSST SICH DIESE ALLTÄGLICHE BEOBACHTUNG WISSENSCHAFTLICH BEGRÜNDEN?

Unser Körper und seine Grundbausteine altern auf ganz unterschiedliche Weise und auch nicht alle gleich schnell. Manche Menschen scheinen relativ gut gegen das Altern gefeit, teilweise aus genetischen Gründen, und werden bei guter Gesundheit sehr alt. Andere Menschen altern hingegen schneller und leben auch nicht so lange – vielleicht spielt auch hier die Genetik eine Rolle, z. B durch die Anfälligkeit auf gewisse Erkrankungen, daneben haben aber vor allen Dingen die Lebensführung und das individuelle Verhalten einen grossen Einfluss auf unser «Gesundheitskapital». Hoher Blutdruck, Übergewicht, starkes Rauchen, hohes Cholesterin – all das sind Risiken, die sich unabhängig und synergetisch auf das vorzeitige Altern des Herzkreislaufsystems auswirken.

DAS ALTER IST AN SICH EIN RISIKOFAKTOR: LÄSST SICH DAS ALTERN VERLANGSAMEN?

Wir sind weit davon entfernt, die biologischen Grundlagen des Alterns vollständig verstanden zu haben. Trotzdem hat es in den letzten Jahren beachtliche Fortschritte in diesem Bereich gegeben und das Gesamtbild gewinnt mit jeder neuen Entdeckung immer mehr an Form. Mehrere der grundlegenden molekularen Abläufe, die direkt an der Seneszenz beteiligt sind, konnten bereits identifiziert werden. Je mehr wir den Alterungsprozess verstehen und seinen biochemischen Auslöser erforschen, desto bessere pharmakologische Mittel lassen sich entwickeln, um ihn teilweise aufzuhalten. Eine Verlangsamung der biologisch bedingten Seneszenz ist ein wichtiger Teilerfolg im Kampf gegen das Altern.

AB WANN SOLLTE MAN ETWAS GEGEN DAS ALTERN UNTERNEHMEN?

Der körperliche Verfall setzt bereits in einer sehr frühen Lebensphase ein, sobald wir ausgewachsen sind und die Geschlechtsreife erreicht haben. Theoretisch müsste die Prävention bereits so früh wie möglich einsetzen. In der Jugend kommt es beispielsweise darauf an die Knochen zu stärken, um später nicht an Osteoporose zu erkranken. Praktisch unternimmt man in der Regel erst etwas, wenn sich die ersten Alterserscheinungen bemerkbar machen, auch wenn es dann schon etwas spät ist. Je früher man präventiv eingreift, desto wirksamer ist natürlich auch die ergriffene Massnahme, aber selbst bei hohem Alter lässt sich noch dagegen einwirken.

WIE KANN MAN DIE CHANCEN AUF BESCHWERDEFREIES ALTERN ERHÖHEN?

Physiologische Veränderungen, die mit fortschreitendem Alter zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen können, sollten so früh wie möglich erkannt werden. Hierfür verwendet man so genannte biologische Marker, die eine immer präzisere Ermittlung von Abnutzungserscheinungen in Organen oder körpereigenen Systemen ermöglichen, aus denen sich Krankheitsrisiken oder potenzielle Störungen ergeben. Die Ermittlung von Risikofaktoren ist unerlässlich, denn nur so lässt sich dagegen vorgehen. Dabei sollte man wissen, dass die Ursachen vorzeitiger Mortalität zu zwei Dritteln behandelbar sind. Die folgende «goldene» Regel lässt sich in Bezug auf die Prävention des Alterns verallgemeinern: «Die Funktion erhält das Organ». Vernachlässigte Funktionen führen am Ende zu einer Verschlechterung im betreffenden Organ. Um deren Leistungsfähigkeit zu erhalten, muss man sich also auch bei fortgeschrittenem Alter anstrengen.

WAS BRINGT DIE ZUKUNFT IM BEREICH GESUNDHEIT UND ALTERN?

Die Alterung der Gesellschaft ist bereits eine Realität, auf die wir uns einstellen müssen. Um das Altern für den Einzelnen und die Gesellschaft erträglich zu gestalten, gibt es nur eine Möglichkeit: Erkrankungen so weit wie möglich hinauszuzögern. Hierfür müssen Mittel der präventiven und der prädiktiven Medizin entwickelt werden. Ausserdem müssen wir die biologischen Grundlagen der Seneszenz besser verstehen lernen. Abgesehen davon muss jeder selbst die Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen, mit Unterstützung geeigneter Anti-Aging Programme.

IHRE TIPPS FÜR GLÜCKLICHES ÄLTERWERDEN?

Die von der WHO anlässlich ihrer Gründung im Jahr 1946 verabschiedete Definition von Gesundheit könnte man mit Bezug auf beschwerdefreies Altern folgendermassen umformulieren: «Beschwerdefreies Altern» ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.» Der Verdienst dieser Definition liegt in der Betonung des «Wohlbefindens» unter Einbeziehung körperlicher, geistiger und sozialer Aspekte. Glücklich älter werden meint also Beschwerdefreiheit in allen diesen drei Dimensionen.